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Wespennest Nr.172
Wespennest Nr.172

be-, ent-, ver- fremden

Weit entfernt scheinen die Zeiten, als die Kritik an falschen Lebens-, Arbeits- und Liebesverhältnissen noch auf das Adjektiv „entfremdet“ hörte. Wer „Entfremdung“ sagt, postuliere ein „wahres Selbst“, argumentiere dogmatisch, anthropologisch, essentialisierend, so lautet der gängige Einwand: Kein Kriterium erlaube, zwischen echt und unecht, fremd und eigen genau zu unterscheiden. So verschwand der Kampfbegriff der 1960er-Jahre aus dem Arsenal der politischen Sprache. Das Unbehagen an Lebens-, Arbeits- und Liebesverhältnissen aber ist geblieben, es äußert sich heute in Debatten über Neoliberalismus, Finanzkapital, Burnout und Glückserforschung.
Vielleicht lässt sich ja doch etwas vom alten Potenzial des „fremden“ retten. Die Autorinnen und Autoren des Schwerpunkts befassen sich mit den Grundlagen von Kritik und den Formen von Weltaneignung ebenso wie mit dem Leben in der Fremde, mit Erkenntnisstrategien im Theater und mit verwirrten Postbeamten.

Jenseits des Schwerpunkts erinnert Alice Grünfelder an den zivilen Ungehorsam der Deutschen bei der Stationierung der Pershing II, Carsten Jensen nähert sich der Frage nach Gewalt in seiner Reportage aus Afghanistan u.v.m.

Wespennest Aktuelles
|02.10.2017| Desinformation und Demokratie
„Glaub mir, ich lüge“, so der Titel eines Essays von Valentin Groebner, der in der nächsten Ausgabe von wespennest erscheint. Ausgehend von der omnipräsenten Rede von ‚post-truth’ und absichtlich verbreiteten Fehlinformationen wirft Groebner einen Blick in die Geschichte des Informationsaustausches, die immer auch eine Geschichte der Verwirrung zwischen Wahrheit und Fälschung ist – seien es Geheimschriften in der Briefkultur des 15. Jahrhunderts oder die Massenpresse am Beginn des 19. Jahrhunderts. Groebners Essay entstand in Zusammenarbeit mit Eurozine, wo vor Kurzem ein Schwerpunkt zum Thema „Disinformation and Democracy“ veröffentlicht wurde, an dem sich auch Kolleginnen und Kollegen anderer europäischer Kulturzeitschriften beteiligten. Darin wirft Markus Wehner beispielsweise einen Blick auf Russlands ‚Informationskrieg’ und Daniel Leisegang untersucht die Achse der Rechtsextremen zwischen Russland und Westeuropa und deren Instrumentalisierung sozialer Medien. Der Schwerpunkt richtet den Blick jedoch auch auf die konzeptuellen Schwächen von Begriffen wie ‚Fake News’ und ‚post-truth’. Schließlich wird mit ihnen im Nachhinein eine Vergangenheit konstruiert, in der die Politik ausschließlich durch rationale Argumente geleitet wurde und die Medien pflichtbewusst dem Imperativ der Faktizität gehorchten. Dass diese Vorstellung illusorisch ist, zeigen neben Valentin Groebners Essay auch viele andere Beiträge. Wenn Sie nicht bis zum Erscheinungstermin der nächsten wespennest-Ausgabe warten möchten, können Sie „Glaub mir, ich lüge“ in englischer Übersetzung bereits jetzt auf www.eurozine.com lesen.

Nostalgische Blicke zurück auf die ‚Swinging Sixties’ verdecken jene Aufbruchsstimmung, die um 1967 herrschte: Black Power, Malcolm X oder die Londoner Anti-Psychiatrie-Konferenz zum Thema Dialektik der Befreiung sind nur einige Beispiele dafür. Walter Famler über einige Anliegen, die bereits 1967 formuliert wurden und bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Wespennest Zeitschrift
Heft 171 |w171| Wer träumt heute noch vom kommunistischen Vielvölkerimperium? 12 Stimmen und Positionen.
Heft 170 |w170| Potenz, Risikofreude, Gewaltbereitschaft … Sind diese Eigenschaften an das männliche Geschlecht gebunden? Ist das „charismatische" Hormon Testosteron ihr Auslöser?
Heft 169 |w169| Ist Technikkritik heute passé? Aktuelle essayistische Reflexionen zum Verhältnis von Mensch und Maschine
Wespennest Vorschau
wespennest 173
Kultur erben
Preis: EUR 12.00;
erscheint am 07.11.2017

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