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Wespennest Backlist
Jan Koneffke
Beschleunigtes Ende (ein historischer Abriss)

Im März 2020 schließen EU-Mitgliedsstaaten wegen der Corona-Pandemie ihre Grenzen, im April 2020 schweigt die EU-Kommission weitgehend zu den ungarischen Ermächtigungsgesetzen. So viel ist bekannt. Und wie wird es weitergegangen sein? Vielleicht so: Im November 2020 droht Trump mit Bürgerwehren, sechs Monate später spricht der deutsche Bundestag einer von CDU, FDP und AfD gebildeten Regierung das Vertrauen aus – das und mehr skizziert Jan Koneffke in einem erschreckend glaubwürdigen Rückblick auf die Zukunft.

Februar/März 2020
Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa. Wird als Anfang vom Ende der Europäischen Union bezeichnet. Doch tragen bereits frühere Ereignisse wie die Schuldenkrise, der große Flüchtlingsstrom 2015, die Brexit-Abstimmung in Großbritannien oder die Wahl Donald Trumps zu diesem Ende bei. – Die Mitgliedsstaaten schließen ihre Grenzen, nur der Verkehr von Waren und Kapital unterliegt keinen Beschränkungen – so wie es Rechtspopulisten seit langer Zeit fordern.

April 2020
In Ungarn herrscht ungeachtet bisher geringer Corona-Virus-Fälle auf unbestimmte Zeit der Ausnahmezustand. Trotz erheblicher Proteste gegen das ungarische Ermächtigungsgesetz schweigt die EU-Kommission, namentlich ihre Präsidentin Ursula von der Leyen. Von der Leyen konnte ihre knappe Wahl im EU-Parlament nur durch die Stimmen der ungarischen Fidesz-Abgeordneten für sich entscheiden. Die Koppelung europäischer Fördermittel an die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien wurde von der Kommission bereits vor den Verhandlungen zum kommenden EU-Haushalt aufgegeben.

Mai/Juni 2020
Italien und Spanien drängen auf die Einführung sogenannter Euro- oder Corona-Bonds. Die Regierungen in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und den nordischen Ländern weisen die Forderungen zurück. Ursula von der Leyen mahnt zur Solidarität. – Boris Johnson lehnt eine Verlängerung der Verhandlungen mit der EU über ein Handelsabkommen ab. Vor der Presse spricht er davon, dass sein Land dem kontinentalen Druck ebenso erfolgreich standhalten würde wie er selbst seiner Corona-Erkrankung.

Oktober 2020
Nach Verhandlungen der EU-Staatschefs über die Frage von Euro- oder Corona-Bonds unter der deutschen Ratspräsidentschaft kommt es zum offenen Konflikt zwischen Friedrich Merz und der Kanzlerin. Merz erklärt: „Italien hat keinen akuten Finanzierungsbedarf. Italien versucht im Windschatten von Corona zu unbegrenzten Refinanzierungsmöglichkeiten für seinen Staatshaushalt zu kommen“ und wirft Merkel zu große Kompromissbereitschaft vor. Angela Merkel weist diesen Vorwurf als „bewusste Falschinterpretation“ zurück. Trotzdem spricht ihr der CDU-Vorstand das Misstrauen aus. Merkel reicht ihren Rücktritt ein. Ende Oktober wird Friedrich Merz mit den Stimmen von FDP und AfD zum deutschen Bundeskanzler gewählt. „Ich bin nicht verantwortlich dafür, wer mir bei einer geheimen Wahl seine Stimme gibt“, kommentiert er das Ergebnis. Die neue schwarzgelbe Minderheitsregierung bleibt von der Unterstützung der AfD im Bundestag abhängig. Merz wirft der rot-rot-grünen Opposition staatspolitisches Versagen vor. Dagegen hätte die AfD „nationales Verantwortungsbewusstsein“ bewiesen. Die EU-Kommission schweigt zu den Vorgängen in Deutschland.

November 2020
Bei einer zweiten Welle von Corona-Virus-Fällen erkrankt der Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, Joe Biden, schwer. Er stirbt am 1. November. In den USA sind mittlerweile eine Million Menschen dem Corona-Virus erlegen. Die Trump-Regierung spricht von einem verdeckten biologischen Krieg Chinas gegen die Vereinigten Staaten und wirft den Demokraten vor, mit dem Feind gemeinsame Sache zu machen, um den Republikaner aus dem Amt zu drängen. Für den Fall einer Niederlage droht der Präsident mit dem Aufmarsch Trump-treuer Bürgerwehren. Bei der Wahl am 3. November bleiben weite Teile der demokratischen Wähler aus Angst vor dem Corona-Virus und bewaffneten Trump-Milizen zu Hause. Donald Trump gewinnt haushoch gegen die chancenlose bisherige Vizepräsidentenkandidatin. Die EU-Kommissionspräsidentin gratuliert ihm zu einem „beeindruckenden Sieg“.

Dezember 2020
Die vorübergehend aufgehobenen Grenzschließungen in Europa werden wieder und nun dauerhaft eingeführt. – Am 31. Dezember tritt der harte Brexit in Kraft.

Januar 2021
Das Corona-Virus wütet erneut in Italien. Die Situation gerät außer Kontrolle. In Teilen des Landes kommt es zu Plünderungen der nur noch schlecht versorgten Supermärkte. Aufgrund der Dürre des Jahres 2020 ist Brot nicht zu erhalten. Im Süden brechen Hungerrevolten aus. Oppositionschef Salvini, dessen Lega-Bündnis in den Umfragen bei über sechzig Prozent liegt, kündigt einen Marsch auf Rom an. Trotz Versammlungsverbots folgen dem Aufruf Hunderttausende Italiener. Die EU-Kommission mahnt alle Akteure „zu Vernunft und Augenmaß“. Ende Januar hofft sie auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Chef der neuen Übergangsregierung, Matteo Salvini.

März 2021
Obwohl das hermetisch abgeriegelte Ungarn von der zweiten Corona-Welle verschont bleibt, schreibt die Regierung Orbán ihre Sondervollmachten fest. Solange der Feind der christlichen ungarischen Nation und aller Magyaren nicht besiegt sei, werde der Notstand nicht aufgehoben, verkündet der Regierungschef. Inzwischen sind mehrere Journalisten wegen der Verbreitung angeblicher Falschmeldungen zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Die EU-Kommission sieht vorerst keinen Anlass für ein Vertragsverletzungsverfahren und will sich auf eine proaktive Beobachtung beschränken.

April 2021
In Nordirland kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken. – Schottland hält an dem von London untersagten Unabhängigkeitsreferendum fest. – Boris Johnsons Regierung führt den „Patriotischen Arbeitsdienst“ ein, mit dem zunächst der Ausfall ausländischer Erntehelfer zwangsweise kompensiert wird. – Italien legt den Termin über eine Italexit-Volksabstimmung auf Mitte Mai fest. Laut nicht bestätigten Presseberichten hält der deutsche Finanzminister, Wolfgang Schäuble, das Vorgehen Salvinis intern für einen „durchschaubaren Bluff“.

Mai/Juni 2021
Der deutsche Bundestag spricht der zweiten, von CDU, FDP und AfD gebildeten Regierung Friedrich Merz das Vertrauen aus. – Donald Trump stellt einen wirksamen US-amerikanischen Impfstoff gegen das Corona-Virus vor, dem er den Namen „Trump-Drug“ verleiht. Dieser Name bürgert sich, außer in China, bald weltweit ein. Auf derselben Pressekonferenz verspricht Trump dem Land Italien wirtschaftliche Hilfe und ein „grandioses Handelsabkommen“. Die Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen den USA und Großbritannien sind unterdessen an einem toten Punkt angelangt. – In italienischen Gewässern werden Flüchtlingsboote gezielt beschossen und versenkt. Die EU-Kommission äußert Verständnis. – Bei der Volksabstimmung in dem Mittelmeerland siegen die Befürworter eines Austritts. Unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses verkündet der neue deutsche Finanzminister von der AfD, Jörg Meuthen: „Wer gehen will, kann gerne gehen!“ Es folgen schwere Turbulenzen an den Börsen. Der Euro-Kurs bricht ein, der Schweizer Franken erreicht einen neuen Höchststand, selbst das Britische Pfund erholt sich leicht auf niedrigem Niveau. In Brüssel beschwört die EU-Kommissionspräsidentin den Zusammenhalt Europas, tags darauf tritt sie zurück. Die Amtsführung geht auf ihre Vizepräsidenten über. Die Kommissionsspitze bleibt von jetzt an unbesetzt.

2022–2028
Italien verlässt Euro-Zone und Europäische Union. – Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewinnt Marine Le Pen vom Rassemblement National. Auch Frankreich erklärt seinen Willen zum Austritt aus der EU. – Die Beitrittsverhandlungen des mittlerweile unabhängigen Schottland zur Europäischen Union werden eingestellt, da es die EU faktisch nicht mehr gibt. – Deutschland, die Beneluxländer, Dänemark, Finnland und Schweden planen einen neuen Wirtschaftsverbund. Die Visegrád-Staaten haben auf Drängen des wirtschaftlich schwer angeschlagenen Ungarn Ähnliches vor. Österreich erwägt, beiden Verbünden beizutreten. – Durch den Schusswaffeneinsatz ungarischer Grenztruppen kommt es zum ersten Toten an der Grenze zu Serbien – einem ungarischen Flüchtling, der seine Heimat verlassen wollte. – Zwischen Ungarn und Rumänien bricht ein Krieg um Transsilvanien aus. – Als einziger wirtschaftlich prosperierender Staatenzusammenschluss erweist sich die Neugründung Jugoslawiens durch die jungen demokratischen Kräfte Serbiens, Kroatiens, Sloweniens und Mazedoniens. – Die politische Lage in den europäischen Staaten stabilisiert sich: Fast überall herrschen erklärtermaßen illiberale, rechtsnationale Regierungen, die Opposition ist zersplittert und bedeutungslos, kritische Medien sind, soweit noch erlaubt, marginalisiert. – Seitdem mehrere Küstenregionen Europas dauerhaft überflutet sind, erlassen die autokratischen Regime harte Klimaschutzbestimmungen. – Nach der Flucht Viktor Orbáns, der im Russland Wladimir Putins Asyl erhält, verliert sich Ungarn in Bürgerkriegswirren zwischen „Post-Orbán-Kräften“ und Orbán-treuen Banden. – Donald Trump stirbt im Laufe seiner dritten Amtszeit an einer Mutation des Corona-Virus.


Jan Koneffke, geb. 1960 in Darmstadt. wespennest-Redaktionsmitglied seit 2004. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin, lebte in Rom und pendelt heute zwischen Wien und Bukarest. Letzte Veröffentlichungen: Ein Sonntagskind. Roman (2015), Als sei es dein. Gedichte (2018).

04.05.2020

© Jan Koneffke / Wespennest


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