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Risiko
Sagenhafte 40 Jahre ist es her, dass der Soziologe Ulrich Beck seine groß gedachte Zeitdiagnose zur „Risikogesellschaft“ publizierte. Das Buch wurde unter anderem zum Erfolg, weil kurz vor Erscheinen der Reaktorblock Nr. 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert war. Ulrich Becks Diagnose über die Unberechenbarkeit der Technikfolgen wurde so gewissermaßen zur Prophetie.
Im Schwerpunkt „Risiko“ fragt wespennest nach: Was ist noch haltbar an den Thesen von damals, wie hat sich mittlerweile der Begriff des Risikos verändert und wie der Umgang mit Gefahren? Ins Unendliche gewachsen jedenfalls sind die Datenmengen, die für statistische Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Zukunftsszenarien zur Verfügung stehen, doch das Hase-und-Igel-Spiel zwischen risk-taking und risk-reduction scheint immer weiterzugehen, nur auf höherem Level.
„Risiko“ heißt auch ein beliebtes Strategiespiel, dessen ursprünglicher Titel „Eroberung der Welt“ lautete. Es findet nicht nur auf dem Spielbrett statt. Der Umgang mit Kriegsrisiko ist damit ebenso Thema wie die Denkweise der Kollapsologie. Sich einer Gefahr auszusetzen und sie – vielleicht – zu überstehen, ist eine Frage, der sich dieser Schwerpunkt auch mit Blick auf den Sport, den Rausch der Geschwindigkeit, das Versicherungswesen, Flucht und nicht zuletzt auf die Liebe eingehend widmet. No risk, no fun. Nichts euphorisiert den Menschen so sehr wie das angeblich einträgliche Spiel mit dem Feuer und der Bombe.
Jenseits der Themenbeiträge verknappt Arne Rautenberg poetische Gewitztheit zu Einwortgedichten, und Kurt Drawert kehrt in Auszügen aus seinem in Arbeit befindlichen Roman in die Zeit seiner Leipziger Jahre zurück. Mit einem Fokus auf Hans G Helms’ städtebauliche Überlegungen und dessen Arbeiten für Radio und TV führt Stephan Steiner auch im zweiten Teil seiner Erinnerung durch das Helms’sche Werksgelände, und Daniel Wisser beschreibt, wie die Oligarchie spricht. Der Buchbesprechungsteil befasst sich mit Rainer Maria Rilke, Kamel Daoud, Lili Körber u.v.a.m.
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Prozentzahlen können richtig und irreführend zugleich sein. Was eine Statistik aussagt, ist oft Anlass für ideologische Debatten. Was sie hingegen nicht aussagt, sollte außer Streit stehen. In Bezug auf die deutsche polizeiliche Kriminalstatistik etwa die Tatsache, dass diese grundsätzlich nur strafrechtlich relevante Sachverhalte aufführt, die der Polizei bekannt wurden. Juristisch sind diese damit noch nicht bewertet. Und: Staatsschutz- und Verkehrsdelikte sind darin ebenso wenig erfasst wie Finanz- und Steuerdelikte oder Straftaten, die außerhalb der Bundesrepublik Deutschland begangen wurden. Aufmerksame Leser:innen der Süddeutschen Zeitung haben in Bezug auf deren Berichterstattung zur kürzlich öffentlich gemachten aktuellen deutschen Kriminalstatistik die Journalist:innen ihres Blattes eindrücklich ermahnt, mehr relativierende Vorsicht bei der Interpretation von Prozentzahlen walten zu lassen. Von „verzerrungsfreier“ Auslegung weit entfernt ist – insbesondere in Vorwahlzeiten – aber auch so manche (partei)politisch motivierte Forderung nach mehr statistischer Differenzierung. Jan Koneffke ließ sich davon satirisch inspirieren und findet: Da geht noch mehr!
AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel stimmte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl am 19. September in Wien in dessen Ruf nach der „Allianz der patriotischen Kräfte“ ein. Die Erläuterung, wie eine solche Allianz bei der Europawahl im Juni 2024 die offenkundigen Widersprüche in der ultrarechten Auslegung des „Europas der Vaterländer“, einst Schlagwort Charles de Gaulles, überwinden wolle, blieben beide schuldig. Dass es allerdings zum Schaden der Rechten sei, wenn auch die alte Linke dem Nationalismus ein Lied singt, ist ein Fehlschluss, wie Jan Koneffke in einem Rückblick auf die Dogmen eines umtriebigen Bekannten seiner Jugendjahre festhält.
Der literaturhistorische Blick zurück mag der in einen Zerrspiegel sein. Und doch macht er gesellschaftliche Verhaltensweisen im Krisenfall sichtbar, dessen Symptome auf einen Nenner gebracht werden können: kapitalistische Produktion – brennen, bis nichts mehr bleibt. Ein Gegenentwurf, findet Florian Baranyi, müsste auf einen Stoff setzen, der sich nicht vernutzen lässt.
Mit frei verfügbaren Übersetzungsprogrammen lassen sich selbst komplexe Satzkonstruktionen beeindruckend – oder erschreckend – gut übertragen. Thomas Eder konfrontiert eine viel gelobte Software mit einem „Holzwegsatz“ des US-amerikanischen Linguisten Thomas Bever und zeigt gewitzt ihre Grenzen auf. Hat die humane Textproduktion also doch eine Zukunft?
Am 13. April 2022 verstarb die italienische Fotografin Letizia Battaglia, die als Chronistin der sizilianischen Mafia unser Bild von der Cosa Nostra geprägt hat – inszeniert als Szenen eines Stücks mit klar umrissenen Rollen. Florian Baranyi rückt der Theatermetapher in Zeiten von Krieg auf den Leib.
Die Welt ist eine andere geworden – und dreht sich doch weiter. Während Russland den Krieg gegen die Ukraine unentwegt anfacht und viele Menschen auf der Suche nach einem sicheren Ort ihre Städte und Dörfer verlassen, gehen wir hier unbeirrt unserem Alltag nach. Ist das zulässig? Und kann die Beschäftigung mit Literatur etwas zum Verständnis der Situation beitragen? Lukas Meschik ringt mit einem bekannten Diktum Thomas Bernhards.
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|w189| Banco rotto – Unfall oder logisches Ziel der kapitalistischen Wirtschaftsweise? Über zerbrochene Banken und Bankrotterklärungen, die weit übers Ökonomische hinausragen.
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|w188| Von komplexen Systemen und Einfacher Sprache, von eingängiger politischer Kommunikation und dem Lesen komplexer Texte – und was das mit Demokratie zu tun hat.
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|w187| Autos, vom Futurismus verherrlicht, haben ihre Schönheit eingebüßt. Motorisierte Beweglichkeit ist mit "Fossilscham" behaftet. Ein Heft mit utopischen Verkehrsentwürfen.
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wespennest 191 Eigensinn
Preis: EUR 14.00; erscheint am 06.11.2026
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